Vasokonstriktionstraining im Biofeedback

Beim Vasokonstriktionstraining geht es darum zu lernen, die Durchblutung der Schläfenarterie bewusst zu steuern.

Die Anwendung dieser Methode ist ausschließlich auf die Arbeit mit Migräne beschränkt.

Das Vasokonstriktionstraining beim Biofeedback ist etwas Besonderes. Ich erzähle Ihnen dazu eine kurze Anekdote. Als ich meiner Familie damals davon erzählt habe (kurz nachdem ich in die Biofeedback Welt eingetreten bin), dachten alle, dass ich jetzt irgendwas ultra-esoterisches mache.

Physiologische Grundlagen: Wie und warum sich Blutgefäße verengen

Unter „Vasokonstriktion“ versteht man in der Medizin die Verengung von Blutgefäßen, was zu einer Verringerung der Durchblutung in dem entsprechenden Gewebe führt. Ihr Gegenteil ist die Vasodilatation (Gefäßerweiterung). Die Weite unserer peripheren Blutgefäße (Arteriolen) wird durch glatte Muskelfasern in den Gefäßwänden reguliert. Diese glatte Muskulatur wird ausschließlich durch das sympathische Nervensystem (den „Stressnerv“) innerviert.

Wenn der Sympathikus im Rahmen einer Stress-, Angst- oder Alarmreaktion („Kampf oder Flucht“) aktiviert wird, schütten die Nervenenden Neurotransmitter wie Noradrenalin und Adrenalin aus. Diese Botenstoffe binden an die sogenannten Alpha-Adrenorezeptoren der Gefäßwände und zwingen die Blutgefäße dazu, sich zusammenzuziehen (Vasokonstriktion). Da das parasympathische Nervensystem (der „Ruhenerv“) keinen direkten Zugriff auf diese Blutgefäße hat, kann eine Gefäßerweiterung (Vasodilatation) vom Körper nur dadurch erreicht werden, dass die sympathische Stressaktivität gedrosselt wird („passives Zulassen“/passive Volition).

Lustigerweise ist es aber, wenn man es unterbricht, gar nicht so spektakulär. Wenn man lernen kann, die Durchblutung an den Fingern wie beim Temperatur-Training zu steuern, warum nicht auch an der Schläfenarterie?

Messtechnik: Wie wird Vasokonstriktion im Biofeedback sichtbar gemacht?

Biofeedback-Geräte können den exakten Durchmesser eines Blutgefäßes nicht direkt mechanisch messen. Stattdessen bedient man sich zweier hochsensibler indirekter Messverfahren (Korrelate):

  • Photoplethysmographie (BVP – Blutvolumenpuls): Dies ist die direkteste Methode. Ein kleiner optischer Sensor wird an den Finger, das Ohrläppchen oder an die Schläfe geklemmt bzw. geklebt. Dieser Sensor strahlt Infrarotlicht in das Gewebe und misst, wie viel Licht vom Blut reflektiert wird. Das Gerät errechnet daraus die „Pulsvolumenamplitude“ (PVA). Eine abnehmende Amplitude (ein flacher werdender Puls-Balken auf dem Bildschirm) beweist eine Vasokonstriktion, eine hohe Amplitude zeigt ein weit offenes, entspanntes Gefäßsystem an.
  • Temperatur-Biofeedback: Da erweiterte Gefäße mehr warmes Blut in die Haut transportieren und verengte Gefäße den Blutfluss drosseln, ist die Hauttemperatur ein exzellenter Indikator für die Vasokonstriktion.

Man bringt einen entsprechenden Sensor an der Schläfenarterie an (das muss man ein bisschen üben, dass man die trifft, es hängt auch ein wenig vom Klienten ab, bei mir ist die Schläfenarterie sehr prominent, da ist das leicht, aber bei manchen ist das schwieriger, es geht aber) und der Klient versucht dann deren Durchblutung zu steuern. Spannenderweise geht es hier aber nicht darum, Entspannung und Weite zu erzeugen, sondern das Gegenteil.

Warum tun wir das? Das Wirkmodell

Ein Modell der Erklärung von Migräneanfällen geht davon aus, dass eine chronisch verengte Schläfenarterie dazu führt, dass irgendwann eine Art Gegenreaktion auftritt und die Arterie sich rapide öffnet und diese Öffnung zum Anfall führt. Daher würde es natürlich sehr helfen, wenn man diese plötzliche Öffnung verhindern könnte oder dafür sorgen könnte, dass diese langsamer stattfindet und der Anfall dadurch gemildert wird (natürlich wäre Prävention noch besser, dazu aber mehr im Artikel zur Migräne).

Selbst wenn es mittlerweile neuere und andere Erklär-Modelle für die Migräne gibt (es ist eine unfassbar komplexe Erkrankung) hat es sich gezeigt, dass diese Art der Kontrolle vielen Klienten hilft.

Manche Klienten (vor Allem jene mit einer deutlichen Aura) können sogar eine so gute Selbstwahrnehmung entwickeln, dass sie den kommenden Anfall so früh spüren, dass sie noch mit einer Weitung reagieren können, also noch einmal einen Schritt früher, da sollte man sich aber schon sehr sicher sein.

Das Vasokonstriktionstraining (VKT) bei Migräne: Der therapeutische Goldstandard

Die Pathophysiologie: Der pulsierende, pochende Migränekopfschmerz steht in engem Zusammenhang mit einer extremen und schmerzhaften Überdehnung (Vasodilatation) von Blutgefäßen im Kopfbereich, insbesondere der Schläfenarterie (Arteria temporalis). Migränepatienten weisen zudem ein sehr sensibles, instabiles Gefäßsystem auf.

Anstatt dem Patienten Medikamente (Vasokonstriktiva) zu spritzen, lernt der Patient im Biofeedback, die überdehnte Schläfenarterie durch reine Willenskraft und mentale Strategien aktiv zu verengen (Vasokonstriktion). Auf dem Monitor sieht der Patient z. B. eine Animation (einen Kreis, Ring oder Balken), die die momentane Gefäßweite symbolisiert. Die Aufgabe lautet: „Machen Sie den Kreis kleiner!“

Eine zwingende Kontrollmaßnahme (EMG-Ausschluss): Ein häufiger Fehler von Anfängern ist, dass sie versuchen, die Arterie zu verengen, indem sie krampfhaft die Zähne zusammenbeißen oder die Stirn runzeln. Dies verfälscht nicht nur die optische Messung, sondern löst sekundär fatale Spannungskopfschmerzen aus. Ein verantwortungsvolles VKT muss daher immer mit einer gleichzeitigen EMG-Messung der Stirn- (M. frontalis) und Kiefermuskulatur (M. masseter) einhergehen. Zeigt der Monitor einen Anstieg der Muskelspannung, wird der Patient sofort korrigiert, bis er lernt, die Blutgefäße isoliert zu verengen, während das Gesicht völlig entspannt bleibt.

Das Gegenstück: Krankhafte Vasokonstriktion und Vasodilatationstraining

Während die Vasokonstriktion bei der Migräne aktiv trainiert wird, ist sie bei anderen Krankheitsbildern der eigentliche Feind, der bekämpft (also in Vasodilatation umgekehrt) werden muss:

  • Morbus Raynaud (Raynaud-Syndrom): Gekennzeichnet durch anfallsartige, extrem schmerzhafte Gefäßkrämpfe (paroxysmale Vasospasmen) in den Fingern und Zehen. Hier wird mit Temperatur-Biofeedback trainiert, die pathologische Vasokonstriktion durch tiefe parasympathische Entspannung aufzulösen und die Gefäße dauerhaft zu weiten (Vasodilatation).
  • Essenzielle Hypertonie (Bluthochdruck): Ist die glatte Gefäßmuskulatur chronisch vasokonstriktiert, müssen Herz und Kreislauf gegen einen enormen Widerstand anpumpen – der Blutdruck steigt. Entspannungs-Biofeedback lehrt den Patienten, diese Dauer-Vasokonstriktion aufzugeben und die Gefäße zu weiten.
  • Hyperventilation und Panik (Der Bohr-Effekt): CO2-Mangel im Blut durch zu schnelle Atmung erzwingt eine sofortige reflexartige Vasokonstriktion der Blutgefäße im Gehirn. Die Folge: Schwindel und Panikattacken.

Tipps, Tricks und Erfahrungen zum Vasokonstriktionstraining

Wie man erlernt, die Schläfenarterie zu verengen, also welche Strategie man nutzt, kann sehr unterschiedlich sein. Ich habe es mal mit einer Art autogenem Training versucht („Meine Schläfe ist eng“…..), aber hatte z.B. diese Art des inneren Monologs schon so sehr mit Entspannung assoziiert, dass es nicht funktioniert hatte.

Wenn Ihre Klienten Hilfe brauchen, könnte es helfen sich vorzustellen, in eine Zitrone zu beißen, oder sich ein „Stirnband aus Eis“ vorzustellen.

Ein beispielhafter, detaillierter Behandlungsablauf

Das klinische Protokoll für das Vasokonstriktionstraining an der A. temporalis ist hochspezifisch und umfasst in der Regel 8 bis 12 Sitzungen:

  1. Schritt 1 – Baseline und Sensorplatzierung: Der BVP-Sensor wird mittels Stirnband exakt über dem stärksten Puls der Schläfenarterie positioniert. Gleichzeitig werden EMG-Elektroden an Stirn und Nacken geklebt. Eine 5-minütige Ruhephase ermittelt die Ausgangswerte.
  2. Schritt 2 – Die Selbstkontrollphase (ohne Gerät): Der Patient versucht zunächst ohne Monitor, seine Schläfenarterie für 2 Minuten zu verengen, um zu testen, ob er bereits über Spontanstrategien verfügt.
  3. Schritt 3 – Das eigentliche Feedback-Training (Operantes Konditionieren): Der Monitor wird eingeschaltet. Der Patient erhält im Wechsel 3 Minuten lang die visuelle Aufgabe zu verengen (Kreis schrumpfen lassen) und 1 Minute Pause (Vasodilatation/Entspannung). Der ständige Wechsel schult die Flexibilität der Gefäße. Es wird streng auf eine flache EMG-Linie im Gesicht geachtet.
  4. Schritt 4 – Ausblenden des Feedbacks und Transfer: Im Verlauf der Sitzungen wird der Monitor immer häufiger ausgeschaltet. Der Patient muss die Arterie „blind“ verengen (Transfer). Er nutzt Alltagsanker (z.B. jede rote Ampel), um die Verengung im Alltag reflexartig abzurufen.
  5. Schritt 5 – Akutanwendung: Im Alltag wendet der Patient die erlernte Vasokonstriktion gezielt als „Waffe“ bei den ersten Vorboten (Aura) oder während einer beginnenden Migräneattacke an, um die pathologische Vasodilatation rechtzeitig abzufangen.

Wissenschaftliche Evidenz und Studienlage

  • Wirksamkeit bei Migräne: Vasokonstriktionstraining (VKT) gilt neben dem Temperatur-Biofeedback als hocheffektives, evidenzbasiertes Verfahren. Studien zeigen, dass Patienten die willkürliche Gefäßverengung an der Schläfe signifikant erlernen können (ohne Zuhilfenahme von Muskelanspannung). Bei etwa 60 % der Patienten reduziert sich die Kopfschmerzaktivität (Frequenz und Schwere der Anfälle) durch dieses Training um mindestens 50 %, verbunden mit einer drastischen Senkung des Medikamentenverbrauchs.
  • Spezifität: Forschungen belegen, dass die trainierte Vasokonstriktion tatsächlich nur lokal an der Schläfenarterie stattfindet und nicht auf einen systemischen Stressanstieg zurückzuführen ist. Die Patienten lernen eine faszinierend isolierte Gefäßkontrolle.
  • Wirksamkeit bei Morbus Raynaud: Das Training der Vasodilatation (Aufheben der krankhaften Vasokonstriktion) erreicht Evidenzlevel 4 (wirksam). Studien belegen Reduktionen der vasospastischen Attacken von 66,8 % bis zu unglaublichen 92,5 %, wenn das Training mit einer Kälte-Provokation kombiniert wird.