Atembiofeedback

Ich bezeichne das Atemtraining oft als „den Cheatcode des Biofeedbacks“. Was ich damit eine ist, dass mir sehr oft berichtet wurde, dass die Anwender (gerade zu Beginn) unsicher sind, ob sie mit dem Klienten jetzt gerade eine aktivierende oder entspannende Übung machen sollen. In diesem Fall (oder wenn der Klient einfach mal eine ruhige Einheit braucht) kann man einfach Atembiofeedback machen. Dieses hat:

  • über das Einatmen eine aktivierende und
  • über das Ausatmen eine entspannende Komponente

Das geht also fast immer. Ziel ist das Erlernen einer entspannten tiefen Bauchatmung.

Die Anwendungsgebiete von Atembiofeedback sind sehr breit. Natürlich gibt es da klassische Entspannung, aber vor allem im Bereich der Angststörungen bis hin zu PTBS wird das Training extrem erfolgreich eingesetzt.

Der Taktgeber des Nervensystems

Die Atmung nimmt im Biofeedback eine absolute Sonderstellung ein: Sie ist die wichtigste Brücke zwischen dem bewussten Verstand und dem unbewussten, autonomen Nervensystem. Sie ist der einzige lebenswichtige Prozess des vegetativen Nervensystems, der sowohl völlig unbewusst (autonom) abläuft als auch jederzeit bewusst von uns gesteuert werden kann. Ein- und Ausatmen sind dabei eng mit unseren Stressachsen verknüpft: Das Einatmen bedeutet Aktivierung und animiert den Sympathikus („Gaspedal“), während das Ausatmen das parasympathische System („Bremse“) anregt und tiefe Entspannung einleitet.

Das CO2-Paradoxon und der Bohr-Effekt

Wenn Menschen an Atmung denken, fokussieren sie sich meist auf die Notwendigkeit von Sauerstoff (O2) und betrachten Kohlendioxid (CO2) lediglich als giftiges Abfallprodukt, das der Körper loswerden muss. Dies ist jedoch ein gefährliches Missverständnis. CO2 ist essenziell für unser Überleben, da es den pH-Wert des Blutes und die Durchblutung reguliert.

Hier greift der sogenannte Bohr-Effekt: Die roten Blutkörperchen (Hämoglobin) transportieren den Sauerstoff durch den Körper. Ob das Hämoglobin den Sauerstoff aber an die Organe und das Gehirn abgibt, hängt vom CO2-Spiegel ab. Fällt der CO2-Spiegel im Blut ab (z. B. durch zu schnelles Atmen), wird das Blut basischer (Alkalose). Das Hämoglobin klammert sich infolgedessen an den Sauerstoff und gibt ihn nicht mehr an das Gewebe ab. Gleichzeitig führt ein CO2-Mangel zur Verengung der Blutgefäße (Vasokonstriktion). Das Resultat: Obwohl genug Sauerstoff in der Lunge ist, erstickt das Gehirn paradoxerweise auf zellulärer Ebene.

Dysfunktionale Atmung und Überatmung (Hyperventilation)

Chronischer Stress, Angst oder ständige Anspannung führen dazu, dass sich unser Atemmuster verändert. Das Gehirn bereitet sich auf „Kampf oder Flucht“ vor und steigert die Atemfrequenz. Wenn wir jedoch nicht tatsächlich rennen oder kämpfen, verbraucht unser Körper gar nicht mehr Sauerstoff, als er im Ruhezustand benötigt.

Die Folge ist das sogenannte „Overbreathing“ (Überatmung oder Hyperventilation): Der Patient atmet zu viel CO2 ab, ohne dass der Stoffwechsel dies rechtfertigt. Dies führt zur sogenannten Hypokapnie (CO2-Mangel im Blut).

  • Symptome der Überatmung: Schwindel, Benommenheit („Nebel im Kopf“), kalte Hände, Herzklopfen, Enge in der Brust, Muskelkrämpfe, Kribbeln in den Fingern und massive Erstickungsängste.
  • Tückische Gewohnheiten: Überatmung muss nicht aussehen wie eine dramatische Panikattacke. Oft ist sie extrem subtil. Chronisches Seufzen, ständiges Gähnen, Atemanhalten beim Tippen am Computer oder das Sprechen ohne Atempausen sind versteckte Formen der Überatmung.

Das typische gut gemeinte Anraten „Atme einfach mal tief durch!“ ist bei Stress daher oft katastrophal falsch. Ein tiefer, hastiger Atemzug vergrößert das Atemvolumen, spült noch mehr CO2 aus dem Blut und verschlimmert die Sauerstoffnot im Gehirn. Die korrekte Biofeedback-Instruktion lautet daher: „Low and slow“ (flach und langsam atmen).

Einer der Gründe, warum dies meiner Meinung nach so erfolgreich ist, liegt darin, dass die Atmung so gut „kontrollierbar“ ist. Man kann da also sehr schnell eine gewisse Selbstwirksamkeit erleben, welche bei diesen Krankheitsbildern ja durchaus regelmäßig eingeschränkt ist.

Die Atmung wird auch oft in Zusammenhang mit der Herzratenvariabilität genutzt. Mehr dazu finden Sie hier.

Die Verbindung zum Herzen: Respiratorische Sinusarrhythmie (RSA)

Die Atmung steuert über den Vagusnerv direkt das Herz. Diesen Vorgang nennt man Respiratorische Sinusarrhythmie (RSA). Bei einem gesunden Menschen schlägt das Herz beim Einatmen schneller und beim Ausatmen langsamer.

Durch Biofeedback lässt sich die Resonanzfrequenz des Patienten ermitteln. Bei den meisten Menschen liegt diese bei etwa 5,5 bis 6 Atemzügen pro Minute (0,1 Hertz). Atmet der Patient exakt in diesem Rhythmus, geraten die Atemfrequenz, der Herzschlag und die Blutdruckregler (Barorezeptoren) in perfekte Resonanz. Das Ergebnis sind gigantische, rhythmische Schwingungen in der Herzrate (Herzratenvariabilität, HRV), was den Körper in einen Zustand maximaler Erholung, Kohärenz und Widerstandsfähigkeit gegen Stress versetzt.

Messtechnik: Wie wird Atmung im Biofeedback erfasst?

Um das Atemmuster zu analysieren und zu trainieren, stehen dem Biofeedback-Therapeuten verschiedene Sensoren zur Verfügung:

  • Atemgurte (Dehnungssensoren): Flexible Gurte werden um die Brust und den Bauch (Abdomen) des Patienten gelegt. Sie messen die Atemrate und das Atemmuster. Der Therapeut kann auf dem Bildschirm sofort erkennen, ob der Patient eine gesunde, tiefe Bauchatmung ausführt oder eine ungesunde, paradoxe Brustatmung zeigt (bei der sich bei der Einatmung fälschlicherweise die Schultern heben und der Bauch einzieht).
  • Das Kapnometer (Goldstandard): Ein winziger Schlauch unter der Nase misst den Kohlendioxid-Gehalt der Ausatemluft (endexspiratorischer pCO2). Normwerte liegen zwischen 35 und 45 mmHg. Werte unter 30 mmHg deuten auf eine chronische Überatmung hin. Das Kapnometer ist das einzige Gerät, das beweisen kann, ob die Blutgas-Chemie des Patienten im Gleichgewicht ist.
  • Nasal-Thermistor: Ein kleiner Temperatursensor unter der Nase misst die Temperatur der Atemluft (eingeatmete Luft ist kühler, ausgeatmete Luft ist wärmer). Er zeigt auf dem Monitor Atemkurven („Berge und Täler“) an und hilft beim Einüben eines gleichmäßigen Rhythmus.

Tipps, Tricks und Erfahrungen zum Atembiofeedback

Atembiofeedback wird mittlerweile auch durchaus regelmäßig mit einem Pacing angeboten. Der Klient erhält also eine Vorgabe, mit der er „mit atmet“.

Regelmäßig wurde ich auch gefragt, was ich von Atempacern ohne Biofeedback halte. Generell gefallen mir diese, genauso wie alle anderen Dinge, die Klienten dazu bringen, zu Hause weiter zu üben, sehr gut.

Ich würde aber immer empfehlen diese Pacer erst dann zu „verschreiben“, wenn Sie sich sicher sind, dass Ihr Klient auch wirklich „richtig atmet“.

Praxis und Durchführung: Wie atmet man richtig?

Das Training der Atmung erfordert große Sorgfalt, da sich Patienten oft zu sehr anstrengen („Trying too hard“), was sofort wieder zu Sympathikus-Aktivierung und Stress führt.

  • Die Luftballon-Metapher: Dem Patienten wird erklärt, dass sein Bauch wie ein Luftballon funktioniert. Beim Einatmen bläht sich der Ballon sanft auf, beim Ausatmen zieht er sich wieder zusammen.
  • Achtsamkeit und Passive Volition: Der Patient darf nicht versuchen, das Atmen zu „erzwingen“. Instruktionen nutzen Worte wie „erlauben“ und „zulassen“. Der Ausatem-Phase wird besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt; sie sollte weich, fließend und idealerweise etwas länger als die Einatem-Phase sein. Bei Problemen hilft oft die Lippenbremse (Pursed Lips), bei der durch leicht geschlossene Lippen ausgeatmet wird, um den Luftstrom zu verlangsamen.
  • Pacing (Taktgebung): In der Therapie geben oft Computeranimationen, Pendel, Töne oder Metronome den Rhythmus vor (z. B. 4 Sekunden einatmen, 6 Sekunden ausatmen).
  • Kindertherapie: Bei Kindern nutzt man spielerische Imaginationen. Sie lassen zum Beispiel ein imaginäres „Sonnenschiffchen“ auf ihrem Bauch auf den Wellen der Atmung reiten oder blasen in Gedanken Seifenblasen auf, um die Ausatmung zu verlängern. Mit der richtigen Bauchatmung lernen sie, ihr „Schmerzmonster“ am Bildschirm wegzupusten.

Klinische Indikationen: Wann wird Atem-Biofeedback eingesetzt?

Da die Atmung tiefgreifende chemische und neurologische Veränderungen im Körper bewirkt, ist das Biofeedback-Atemtraining (oft in Kombination mit HRV- und pCO2-Training) bei zahlreichen Störungen hochwirksam:

  • Panikstörungen und Angst: Panikattacken werden primär durch unerkanntes Overbreathing (Hyperventilation) ausgelöst und am Leben gehalten. Mit einem Kapnometer lernen Patienten, ihre CO2-Werte gezielt anzuheben, was das Gefühl der Erstickungsangst, den Schwindel und die physiologische Panikreaktion an der Wurzel kappt.
  • Asthma bronchiale: Asthmatiker neigen unter Atemnot zur Panik und zur Hyperventilation. Der daraus resultierende CO2-Mangel bewirkt eine paradoxe reflektorische Verengung (Konstriktion) der Atemwege, was die Atemnot weiter verschlimmert. Kapnometrie-Training und HRV-Biofeedback helfen Asthmatikern, die Atemchemie zu normalisieren, Entzündungsprozesse zu reduzieren und die Bronchien zu weiten.
  • Essenzielle Hypertonie (Bluthochdruck): Langsames Atmen (unter 10 Atemzüge pro Minute) stimuliert den Vagusnerv und senkt die sympathische Aktivität drastisch. Klinische Studien belegen, dass gerätegestütztes Atemtraining (wie das RESPeRATE-System) den Blutdruck signifikant und nachhaltig senken kann.
  • Chronischer Schmerz: Bei Schmerzen verfallen Patienten oft in eine Schonhaltung, spannen die Schultern an und halten unbewusst die Luft an („Bracing“). Diaphragmatische Bauchatmung entlastet die überbeanspruchte Brust- und Nackenmuskulatur und durchbricht die Schmerzkaskade.
  • Stress und Burnout: Als „Mini-Relax“ lässt sich die tiefe Bauchatmung in den Alltag (Warteschlange, Büro, Autofahrt) transferieren, um chronische Sympathikus-Übererregung augenblicklich zu unterbrechen.

Fazit

Das respiratorische Biofeedback ist weit mehr als eine reine Entspannungsübung. Durch die Normalisierung von Atemmuster, Atemfrequenz und Blutgaschemie (pCO2) ermöglicht es dem Patienten einen wissenschaftlich präzisen, direkten und messbaren Zugriff auf die Reparatur- und Beruhigungssysteme seines eigenen Körpers.