
Beim Temperatur-Training im Biofeedback geht es darum , die Hände (oder theoretisch jeden Ort des Körpers, wo der Sensor liegt) willentlich zu erwärmen.
Ich finde, dass die Temperaur ein wenig der kleinere unscheinbare Bruder des Hautleitwerts ist. Der Hautleitwert ist irgendwie der Paradebiofeedbackparameter, daher geht die Temperatur manchmal unter, dabei ist sie ein wahnsinnig nützlicher Parameter.
Sie ist ein toller Wert für Stress und Entspannung und wird meist mit einem Fingersensor gemessen. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Hautleitwert und Temperatur ist, dass die Temperatur wesentlich langsamer reagiert. Das liegt daran, dass der Vorgang sich ungefähr so abspielt:

- Entspannung
- Blutgefäße weiten sich
- mehr Blut
- mehr Wärme
und vice versa. Da das ein wenig dauert, zeigt sich eine Reaktion der Temperatur oft erst 30 Sekunden oder später in den Aufzeichnungen.
Warum ist das so? Der neurologische Wirkmechanismus
Warum führt Entspannung zu warmen Händen und warum ist das medizinisch so relevant?
- Der neurovaskuläre Mechanismus (Ausschließlich sympathische Innervation): Die glatte Muskulatur in den Wänden der peripheren Blutgefäße (Arteriolen) wird ausschließlich vom sympathischen Nervensystem innerviert (über Alpha-adrenerge Rezeptoren). Es gibt hier keinen parasympathischen Gegenspieler, der die Blutgefäße aktiv weitstellen könnte. Bei Stress schüttet das Nervensystem Noradrenalin aus, die Rezeptoren reagieren, und die Gefäße verengen sich. Um die Gefäße zu weiten und die Temperatur zu erhöhen, muss der Körper die sympathische Aktivität („Kampf oder Flucht“) senken. Daher ist das Handerwärmungstraining ein unbestechlicher Beweis dafür, dass der Patient seine Stressachse erfolgreich heruntergefahren hat.
Wie man die Temperatur beeinflusst, ist gar nicht so trivial wie das klingt. Bei mir hat z.B. autogenes Training oder das Vorstellen eines Lagerfeuers immer sehr gut funktioniert, einige andere Personen tun sich leichter damit an „emotional warme“ Situationen zu denken und oft ist es am besten, sich einfach passiv auf die Entspannung einzulassen.
Passive Volition und der Schokoladen-Trick
Das Temperatur-Biofeedback ist das Verfahren, das am anfälligsten für die negativen Effekte von „Anstrengung“ ist. Bemüht sich ein Patient krampfhaft, seine Hände zu erwärmen, erzeugt dieser Leistungsdruck sofort eine sympathische Stressreaktion, die die Gefäße verengt und die Hände abkühlt. Die Durchführung erfordert daher zwingend „passive Volition“ (passives Zulassen). Der Therapeut verwendet in der Anleitung niemals Wörter wie „versuchen“, „arbeiten“ oder „anstrengen“, sondern achtsamkeitsbasierte Begriffe wie „erlauben“, „zulassen“ oder „geschehen lassen“. Begleitet wird das Training von Vorstellungshilfen (Imaginationen), wie z.B. dem Halten einer warmen Tasse Tee, dem Liegen am Strand oder (in der Kindertherapie) den „Sonnenschiffchen“, die Wärme in die Finger transportieren.
Der Schokoladen-Trick für zu Hause: Eine faszinierende, von Peper et al. (2009) eingeführte Low-Tech-Methode für das Heimtraining nutzt Schokolade als Biofeedback-Gerät. Der Patient hält ein Stück Schokolade zwischen Daumen und Zeigefinger. Milchschokolade schmilzt bei etwas niedrigeren Temperaturen als dunkle Schokolade (welche bei ca. 90 bis 93 °F schmilzt). Hat der Patient gelernt, die Milchschokolade zum Schmelzen zu bringen, wird das Training auf dunkle Schokolade gesteigert.
Das Temperatur-Training wird oft mit anderen Entspannungstechniken kombiniert, um den Effekt vorzulegen.
Grundlegende Definitionen und die Messung
(Wichtiger Hinweis: Wenn wir über Temperatur sprechen, umfasst dies primär das periphere Temperatur-Biofeedback, welches die Hauttemperatur an den Extremitäten misst. Es gibt jedoch auch einen spezifischen neurozentrierten Ansatz, das passive Infrarot-Hämoenzephalographie-Training (piR-HEG), welches als thermales Neurofeedback die lokale Temperatur an der Stirn misst.)
- Peripheres Temperatur-Biofeedback: Hierbei wird die Hauttemperatur, zumeist an den Fingern oder Zehen, gemessen. Die normale Fingertemperatur gesunder, entspannter Menschen liegt meist bei über 88 °F (ca. 31,1 °C), die der Zehen naturgemäß etwas darunter (ca. 85 °F). Ein hochsensibler Thermistor wird mit einem Klettband oder Klebeband am Finger befestigt. Der Sensor muss an der Oberseite oder der Seite des Fingers angebracht werden, nicht an der fleischigen Unterseite (Palmarseite), da der Kontakt mit der Oberschenkel- oder Stuhlablage die Messwerte durch Stauwärme künstlich verfälschen („blanketing“) würde.
- Thermales Neurofeedback (piR-HEG): Das passive Infrarot-HEG (entwickelt von Jeffrey Carmen) misst die Infrarotausstrahlung (Wärme) an der Stirn. Ein Stirnsensor filtert eine bestimmte Wellenlänge des Infrarotspektrums, welche die lokale kortikale Wärmeausstrahlung erfasst. Haare unter dem Sensor müssen vermieden werden, da sie die Messung ungenau machen. Im Gegensatz zur Peripherie zeigt eine lokale Erwärmung der Stirn beim piR-HEG eine Erhöhung der neuronalen und metabolischen Aktivität im Frontalhirn an. Das Training zielt hier darauf ab, Minderaktivierungen (wie z. B. bei ADHS oder Depressionen) durch das bewusste Erhöhen dieser Temperatur auszugleichen.
Anwendungsgebiete
Neben dem klassischen Entspannungstraining wird das Temperatur-Training auch bei einigen spektakulären Indikationen genutzt. Beim Morbus Raynaud bietet sich das natürlich besonders an, aber auch in der Vorbeugung von Migräne wird die Methode mehr als erfolgreich genutzt. Mehr dazu in den jeweiligen Anwendungsgebieten.
Das Temperatur-Biofeedback ist wissenschaftlich extrem gut dokumentiert und erreicht bei bestimmten Indikationen die höchsten Evidenzstufen der Fachgesellschaften (AAPB/ISNR):
- Morbus Raynaud (Level 4 – Wirksam): Das thermale Biofeedback ist eine der effektivsten Therapien bei Morbus Raynaud. Meilenstein-Studien von Freedman et al. (1983) zeigten, dass autogenes Training die vasospastischen Attacken nur um 32,6 % reduzierte, thermales Biofeedback jedoch um 66,8 %. Wurde das Biofeedback mit einem Kälte-Provokationstest (Cold Challenge) kombiniert, reduzierte sich die Anfallshäufigkeit um gewaltige 92,5 %, wobei diese Ergebnisse auch Jahre später stabil blieben.
- Migräne (Intervallprophylaxe): Thermales Biofeedback (häufig in Kombination mit Vaskokonstriktionstraining der Schläfenarterie) ist eine hochwirksame Intervention zur Migräneprophylaxe. Die Studienlage bestätigt, dass das Handerwärmungstraining die allgemeine sympathische Erregung, welche als Prädiktor für Migräneanfälle gilt, massiv senkt und die Anfallshäufigkeit um über 50 % reduziert.
- Essenzielle Hypertonie (Bluthochdruck): Thermales Biofeedback ist als Behandlungsform (Level 4) anerkannt. Da der Blutdruck maßgeblich durch den peripheren Gefäßwiderstand bestimmt wird, führt das Erlernen der aktiven Gefäßerweiterung (Vasodilatation) in den Extremitäten zu einer unmittelbaren Senkung dieses Widerstands und trägt nachweislich zur Senkung des Gesamtblutdrucks bei.
- Diabetes und chronische Schmerzen: Die Methode wird erfolgreich angewandt, um die periphere Durchblutung in den Füßen von Diabetikern zu fördern, wodurch neuropathische Schmerzen gelindert und die Abheilung von diabetischen Fußgeschwüren (Ulzera) signifikant beschleunigt werden können.
- piR-HEG (Neurofeedback): Die klinische Forschung zu diesem thermal-neurologischen Ansatz zeigt, dass ein solches Training der Stirntemperatur besonders bei der Behandlung von Frontalhirnsymptomatiken (wie ADS/ADHS und Depressionen) sowie zur Linderung von Migränesymptomen bereits nach wenigen Sitzungen greift.
Tipps, Tricks und Erfahrungen zur Temperatur

Ich persönlich habe oft mitbekommen, dass die Temperatur bei unspezifischen Beschwerden oder Ganzkörperschmerzen von Vorteil sein kann, es entsteht so ein schönes Gefühl einer Schutzglocke beim Klienten.
Und noch eine weitere Information, welche ich von einem Anwender mitgenommen habe. Bitte merken Sie sich, dass ich dafür keine Studien anbieten kann, aber dieser Psychotherapeut mit langjähriger Erfahrung hat mir erzählt, dass er den Hautleitwert bei eher kognitiven Stress und die Temperatur bei körperlichen Symptomen nutzt. Habe das tatsächlich auch oft so rückgemeldet bekommen, daher kann man das Konzept ausprobieren!
Ein beispielhafter, detaillierter Behandlungsablauf (Schritt für Schritt)
Khazan beschreibt ein evidenzbasiertes, stufenweises Protokoll für das Temperatur-Biofeedback, das sich stark auf Achtsamkeit stützt:
- Schritt 1 – Indirekter Start (Sitzung 1-2): Da der direkte Versuch, Hände zu wärmen, oft zu Frustration führt, wird das Training häufig mit Herzratenvariabilitäts- (HRV) oder Atem-Biofeedback begonnen. Eine ruhige, tiefe Zwerchfellatmung führt fast immer zu einer unbewussten Erwärmung der Hände. Der Therapeut zeigt dem Patienten diese Aufzeichnungen, um ein erstes Erfolgserlebnis zu schaffen („Sehen Sie, Ihre Hände wurden ganz von allein warm“).
- Schritt 2 – Achtsamkeit auf die Temperatur (Sitzung 3): Es wird eine formelle Achtsamkeitsübung durchgeführt. Der Patient „wandert“ gedanklich durch den Körper und registriert wertfrei Temperaturunterschiede zwischen den Fingern, ohne den Drang, diese verändern zu wollen.
- Schritt 3 – Erforschen individueller Strategien: Der Patient wird aufgefordert, ganz eigene Bilder oder Gedanken zu nutzen, um die Temperatur zu erhöhen. Wenn dies nicht ausreicht, bietet der Therapeut klassische Autogene Suggestionen („Mein Arm ist schwer und warm“) oder Visualisierungen (warme Handschuhe, Strand) an.
- Schritt 4 – Schwellenwert-Training (Uptraining): Sobald erste Erfolge erzielt werden, setzt der Therapeut einen Schwellenwert (z.B. 2–3 Grad über der Baseline). Erreicht der Patient dieses Ziel in 70 % der Zeit, wird die Schwelle erhöht („70-30-Regel“). Das absolute Trainingsziel für die Hände liegt meist bei 95 °F (35 °C) und für die Zehen bei 93 °F (33,8 °C).
- Schritt 5 – Der Kälte- oder Stress-Provokationstest (Cold Challenge): Wenn der Patient das Erwärmen in Ruhe beherrscht, wird ein Stresstest eingeführt, um die Nachhaltigkeit zu sichern. Der Patient geht an kühlen Tagen nach draußen oder hält die Hand über einen Kältepack (Cold Challenge) oder erzählt ein emotional stark belastendes Erlebnis. Die Aufgabe ist es, die erlernten Strategien zu nutzen, um den sonst unausweichlichen Temperaturabfall zu blockieren und die Gefäße offenzuhalten.
- Schritt 6 – Generalisierung: Ein kleines Heim-Thermometer (oft nur 10 bis 20 Dollar teuer) wird für das tägliche Training ausgehändigt. Ein Symptomtagebuch dokumentiert die Erfolge im Alltag.