
Inkontinenz ist ein weitverbreitetes medizinisches Phänomen, das sowohl physische als auch emotionale Auswirkungen auf Betroffene haben kann. Diese Störung betrifft die Fähigkeit, den Harn oder Stuhl zu kontrollieren, was zu unwillkürlichem Urinieren oder Stuhlgang führen kann.
Inkontinenz kann Menschen jeden Alters betreffen und wird oft durch verschiedene zugrunde liegende Ursachen wie altersbedingte Veränderungen, Schwangerschaft, neurologische Erkrankungen oder Muskel- und Gewebeschwäche verursacht. Die Auswirkungen von Inkontinenz reichen von physischen Beschwerden bis hin zu emotionalen Belastungen und können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinflussen.
Behandlung von Inkontinenz mit Biofeedback
Bei Inkontinenz-Biofeedback wird das bekannte EMG-Biofeedback verwendet, aber nicht in der Form, in der man es häufig kennt – um Muskeln zu entspannen – sondern um diese Muskeln zu trainieren. Mittels einer Vaginal- oder Rektal-Elektrode (Klebeelektroden am Perineum gehen auch) wird EMG-Training als Beckenbodentraining durchgeführt.
Das klassische Beckenbodentraining wird somit unterstützt. Dies ist vor allem bei einer der wichtigsten Komponenten dieses Trainings von Bedeutung, nämlich der korrekten Ansteuerung der Muskulatur. Sehr viele Personen scheitern daran, ihren Beckenboden zu finden. Oft werden umgebende Bereiche angespannt, aber nicht der Beckenboden selbst. Das führt dann manchmal zu den augenöffnenden Situationen, in denen die Klienten angeben stark anzuspannen, aber die Sensorik nichts anzeigt. Damit kann man deutlich vor Augen führen, dass der Beckenboden nicht getroffen wurde.
In der Anwendung selbst werden Phasen der Anspannung und Entspannung abgewechselt. Zu Beginn wird häufig aber überhaupt erst mal erlernt, ein Gefühl für den Beckenboden zu entwickeln.
Biofeedback eignet sich (das werde ich an anderer Stelle auch nochmals erwähnen, aber auch hier passt es gut) auch für die Behandlung von Sexualstörungen wie Vaginismus.
Wirksamkeit

Die Wirksamkeitsrate von Biofeedback bei Inkontinenz ist sehr hoch, wir sprechen von Erfolgsraten von fast 80 % in wenigen Sitzungen, Erfolg bei Analinkontinenz, Erlernbarkeit durch ältere Personen, zeitlich stabilen Ergebnissen usw. Der Grund dafür liegt in meinen Augen in der Simplizität des Trainings an sich – es ist einfach keine Hexerei, genauso wie ein Fitnesscenter. Wenn man es regelmäßig macht, wird der Muskel gekräftigt und die Erfolge stellen sich ein. Studien haben übrigens auch gezeigt, dass dieser Erfolg mit Biofeedback schneller erreicht werden kann als bei normalem Beckenbodentraining.
Die ganze Thematik ist übrigens natürlich nicht nur auf Frauen anwendbar. Neben der allgemeinen Möglichkeit eines Beckenbodentrainings für Männer gibt es auch Evidenz für die Beschleunigung der postoperativen Heilung nach einer Prostatektomie.
Beispielhafter Behandlungsablauf
Zu Beginn wird wie üblich die psychologische Evaluation und ein psychophysiologisches Stress- und Entspannungsprofil durchgeführt. Ganz besonders wichtig ist es hier zu klären, welche Art der Inkontinenz vorliegt, wie viel Kontrolle die Person über den Beckenboden hat etc. Extrem wichtig ist, dass eine medizinische Betrachtung erfolgt ist, welche andere Gründe für die Inkontinenz ausschließt (wird aber meist der Fall sein, wenn die Person schon bei Ihnen ist). Im Assessment könnte eine Aufforderung sein, den Klienten zu bitten, sich vorzustellen, Urin zurückzuhalten (anstelle von „Spannen Sie so fest an wie Sie können“).

Bei einer normalen Beckenbodenfunktion haben wir niedrige und ruhige Werte in der Entspannung, einen schnellen Peak bei Anspannung, die Fähigkeit, die Anspannung 10 Sekunden zu halten, und eine schnelle Entspannung.
Die Entspannungsfunktion kann auch erhoben werden, indem man den Klienten bittet, die Rektalelektrode langsam „herauszulassen“. Auf Basis dieser Assessments wird ein Plan erstellt und mit dem Klienten besprochen bzw. diesem erklärt.
Der grundlegende Plan ist sozusagen, das Muster des Klienten an das oben genannte gesunde Muster anzugleichen.
Für das EMG gibt es diverse Übungen, die man durchführen kann, darunter willentliches Anspannen, Entspannen oder sogar „komplexe“ Aufgaben wie das Nachzeichnen von Mustern mit der Spannung des Beckenbodens. Generell war ich bei allen „Kräftigungs-/Anspannungs-Biofeedbacks“ immer ein Fan davon, am Schluss noch eine Entspannung durchzuführen, damit man nicht völlig verkrampft aus dem Training kommt.
Vergessen Sie nicht, das Training nicht nur unter „einfachen“ Umständen durchzuführen, sondern auch die Position zu wechseln. Viele Personen haben Schwierigkeiten damit, den Beckenboden im Stehen anzuspannen, gerade dort gibt es aber häufig Inkontinenz.
Wenn Sie „fertig“ sind, vereinbaren Sie mit dem Klienten einige Follow-up-Sitzungen (mit größeren Abständen), damit Sie den weiteren Fortschritt und das Beibehalten der Erfolge überprüfen können.
Tipps und Tricks
Eher ein Tipp zum „Ablauf“ oder dem Einstieg: Falls Sie überlegen, in die Arbeit mit Biofeedback und dem Beckenboden einzusteigen, machen Sie sich vielleicht Gedanken, dass die Klienten das aufgrund der Intimität nicht annehmen. Zugegeben habe ich damit noch nie Probleme gehabt, da der Leidensdruck bei Inkontinenz so groß ist, dass das meist gut angenommen wird.
Sie haben bereits Erfahrung mit Beckenbodenübungen? Super! Nutzen Sie gerne Ihre bekannten Übungen und „veredeln“ Sie diese einfach mit Biofeedback!